Ein Westfale in Bayern

Das ganz normale Leben südlich vom Weißwurst-Äquator

Category : Unterwegs

So ein Strund

18:25Uhr – Irgendwo über dem Atlantik

Halbzeit. Acht Stunden und 45 Minuten soll der Flug dauern, aber der Kapitän ist zuversichtlich, daß wir es schneller schaffen werden. Acht Stunden. Ich denke gerade daran, daß ich vor einigen Jahren in dieser Zeit die Strecke von Lübeck nach München zurückgelegt habe. Damals war das kein Problem – rein in’s Auto und ab auf die Autobahn. Ich erinnere mich an eine Tour, bei der ich tatsächlich nur einmal für zwei Minuten angehalten habe, um schnell auszutreten.

Hier im Flieger ist alles anders. Vor allem ist der Fußraum eng. Meine langen Beine sind jetzt wirklich ein Nachteil. Immerhin kann ich mein linkes Bein von Zeit zu Zeit im Gang ausstrecken.

Das Flugzeug ist eine Boing 767 – und nicht gerade fabrikneu. Das gleiche kann man auch über die Flugbegleiter sagen. Woher kommt eigentlich die Mär, die seien immer jung und knackig? Die hier sind es jedenfalls nicht. Aber dafür sehr ruhig, nett und zuvorkommend. Und was mehr kann man sich wünschen?

Ich sitze in einer Fensterreihe auf dem Gangsitz. Mein Nachbar hat gleich nach dem Start die Jalousine heruntergezogen und schaut auf seiner PSP Videos – das heißt – im Augenblick läuft die PSP und er schläft. Wohl das Flug-Äquivalent zu “vor der Glotze einschlafen”. Immerhin ist er nicht dick und schnarcht auch nicht – gleich zwei Dinge, über die mir Stella und Andreas als erfahrene Transkontinentalflieger Horrorgeschichten erzählt haben.

Das Mittagessen wurde schon eine Stunde nach Abflug gereicht, ebenso die Getränke. Die Visa- und Zoll-Formulare sind auch schon ausgefüllt. In den Fernsehern über der Mittelreihe läuft irgendein Film. Ich halte mich lieber an die Hörbücher auf meinem IPod. SPIEGEL und ‘ct habe ich leider daheim gelassen. Was bleibt mir also noch zur Zerstreuung? Ein Katalog namens SkyMall mit allerlei Dingen, die das Leben des amerikanischen Durchschnittsbürgers schöner gestalten soll. Ein Katzenklo mit automatischer Streu-Entsorgung? Nie wieder beim Spielen mit dem Hund den vollgeschlabberten Tennisball aufheben müssen? Für alles gibt es eine tolle Lösung, vorgestellt in bunten Farben von glücklichen Menschen. Mama, wenn Du das hier liest: Danke für jedes abfällige “So ein Strund!”, mit dem Du jedes bunte Plastikspielzeug (vorzugsweise aus dem Haus Mattel) bedacht hast, das ich mir als Kind so sehnslich gewünscht habe (und das Du mir natürlich nicht gekauft hast). Das hat mich für den Rest meines Lebens gegen solche Angebote immunisiert.

Overdressed

13:25Uhr – Frankfurt Flughafen, Sicherheitsbereich Terminal C Gate 9

Wenn man den modernen, großzügig und doch funktional gestalteten Flughafen in München kennt, ist Frankfurt ein echter Kulturschock. Die Wege sind weit. Dafür gibt es alle paar Meter eine andereKontrolle. Das Personal von American Airlines scheint durch die Bank aus US-Amerikanern zu bestehen – den Unterschied merkt man nicht nur am Akzent, wenn sie sprechen. Sie sind auch erheblich freundlicher als das deutsche Flughafen-Personal und der deutsche Grenzbeamte. Vielleicht sind die aber auch nur deshalb so frustriert, weil sie den ganzen Tag in einem Betonklotz ohne Fenster Dienst schieben müssen.

Stella hat mich vor einer knappen Stunde abgesetzt. Und natürlich habe ich mich als Rookie von der Dame am Check-In gleich in den Sicherheitsbereich schicken lassen. Was für ein Quatsch. Ich hätte locker noch etwas essen können. Stattdessen muß mir jetzt ein pappiges Brötchen mit etwas Aufschnitt reichen. Andererseits unterscheidet sich der Sicherheitsbereich hier erheblich von dem in München. Keine Geschäfte, nur ein Raum mit acht endlos langen Sitzreihen, die sich langsam mit meinen Mitpassagieren füllen.

Die Frau mir gegenüber trägt Flipflops und ein lockeres T-Shirt. Überhaupt sind hier alle sehrsommerlich gekleidet.Ich dagegen trage einen dicken Pullover und habe meine schwere Lederjacke dabei. Lachen die alle über das deutsche Aprilwetter und sind einfach härteres gewohnt? Oder wissen die schon, was uns in den Chicago erwartet.

Frankfurt Flughafen

Die romantische Strecke

BMW R 1150 GS Adventure links   BMW R 1150 GS Adventure rechts

Pah! Da behaupten böse Stimmen tatsächlich, eine Straßenmaschine wäre soweiso viel schöner. Hah! Ich möchte die mal sehen, wenn sie versuchen über Waldwege zu fahren.

Nun ja…

Ich gebe zu: auf dem Weg zur Burgruine Wolfstein in der Oberpfalz wollte die Navigationssoftware mich eigentlich über eine Landstaße lotsen – und nicht über diese auf der Karte gestrichelte Abkürzung. Daß damit ein Waldweg gemeint war, konnte ich ja nicht ahnen. Und die wenigen Wanderer haben auch nur milde irritiert geschaut.

Die Ruine habe ich schon ein paar mal von der Autobahn gesehen. Aber aus der Nähe betrachtet ist sie ine echte Entäuschung. Überall Bauzäune, Bauwagen und Absperrband. Aber dafür habe ich ein paar sehr schöne Seitenstraßen und eine prima Pizzaria in Burgthann entdeckt.

Burgruine Wolfstein

Schlotter

Damit sie endlich vor der Haustür steht, habe ich mir heute einen Satz wirklich gut gekühlter Knie zugezogen und zwei schwarze Hände.

Als ich heute morgen mit dem ICE in München ankam war der Himmel blau. Der zog sich dann zwar langsam mit Wolken zu, während ich mir noch einmal das Motorrad erklären ließ und auf die letzten Handgriffe warten mußte – aber dann hielt das Wetter doch ganz gut.

Das Navi (ein Garmin zûmo 550) hat mich überzeugt. Über den Helmlautsprecher hat es mir stets rechtzeitig den Weg angesagt und dank der Spezialhalterung hatte ich das Display immer gut im Blick. Die Strecke war wirklich schön über verschlungene Wege durch’s Hinterland.

Das Handling der Maschine war eigentlich gar nicht schwer – Motorradfahren verlernt man eben doch nicht. Und die Angst vor den Kurven nahm auch mit jedem Kilometer ab. Klar – so schnell und routiniert wie früher bin ich noch nicht wieder – aber das wird schon…

Regen gab’s dann aber doch noch – etwa zwanzig Kilometer vor Fürth ging’s los. Nicht viel, aber genug, um das Lederöl durch die Handschuhe auf die Hände durchzudrücken – samt schwarzer Lederfarbe, vertseht sich.

Motorrad im Regen

Jetzt steht mein Mopped also unten auf dem Gehsteig, abgedeckt durch eine eilens beschaffte Faltgarage. Jetzt muß es nur noch ein wenig wärmer werden.

Planungsspiele

Jawohlja – die Wettervorhersage für Morgen sieht gar nicht so schlecht aus. Regenwahrscheinlichkeit nur noch bei 20%. Ich bin Glücklich.

Die vergangenen zwei Stunden habe ich damit zugebracht, eine möglichst abseitige Route von München nach Fürth zusammenzustellen. Keine Autobahnen, keine Bundesstraßen – ja nicht einmal die großen Landstraßen. Stattdessen alles, was gerade noch als befestigter Weg durchgeht.

Vor mehr als sieben Jahren saß ich das letzte mal auf einem Motorrad (vergißt man mal zwei-drei Probefahrten, die kaum mehr als zehn Minuten gedauert haben). Deshalb will ich es lieber ruhig angehen lassen. Wenn ich vor einer Kurve Schiß bekomme und bremse, soll mir nicht gleich eine ganze Autokolonne im Nacken sitzen und wild hupen.

Deshalb möchte ich die “romantische” Strecke fahren. Wenn die Berechnungen stimmen, werde ich vier Stunden für die zweihundert Kilometer brauchen. Der Meinung ist zumindest die Navigationssoftware, mit der ich hier plane. Die ist wirklich klasse – ich klicke mir hier meine Route zusammen und übertrage die dann auf mein Motorrad-Navi. Und das wird mich morgen durch’s bayerische Hinterland führen.


Größere Kartenansicht

Hmmm – die Hose ist imprägniert, meine alten Ledersachen (Jacke, Handschuhe, Stiefel) frisch eingeölt, die Tasche gepackt, mein Zugticket gekauft… puh… ein bisserl mulmig ist mir trotz aller Vorfreude doch.

Auch Leder läuft ein

Eine neue Protektorenhose mußte heute her – nicht, weil ich so scharf darauf gewesen wäre, extra Geld auszugeben. Auch Leder läuft ein. Oder gibt es eine andere Erklärung, warum ich es mir einfach nicht gelingen will, die Lederhose, die ich mir vor fünfzehn Jahren als Achtzehnjähriger zugelegt habe, um meinen Bauch zu schließen?

Regenwahrscheinlichkeit für Samstag liegt bei 70% sagt SPIEGEL Online. Ich glaub’, die Dose Imprägnierspray für die neue Motorrad-Hose war ein guter Kauf.

Marktübersicht

Ich finde ja wirklich enorm, wie groß die Preisunterschiede für KFZ-Kennzeichen sind – die Schilderläden um die Zulassungsstelle hier in Fürth verlangen zB für einen Satz Autokennzeichen um die 25 Euro – einen Kilometer weiter, auf Fürths Gebrauchtwagenmeile, erhält man in einer der kleinen, zugigen Container-Büros den gleichen Satz für einen Zehner.

Leider haben die keine Motorrad-Kennzeichen. Aber selbst da unterscheiden sich die Preise in den Läden um die Zulassungsstelle um immerhin sechs Euro.

Naja – jedenfalls habe ich jetzt das Kennzeichen für das Motorrad. Sogar mit einer sehr hübschen Nummer, die gut zu der meines Autos paßt.

Hmmm – die Wettervorhersage für Samstag prognostiziert eine Regenwahrscheinlichkeit von 50%…

Es wird Frühling

In meinen Händen halte ich den Fahrzeugbrief für eine BMW R 1150 GS Adventure – als ich heute beim Händler war, um ihm ein paar spezielle Anbauteile zu bringen, war ich dann doch überrascht, daß er die Maschine nicht nur schon ausgewintert hatte, sondern auch schon den April-TÜV-Abnahme hatte machen lassen. Also konnte ich alle Unterlagen gleich mitnehmen.

Morgen früh geht’s zur Zulassungsstelle hier in Fürth. Und dann muß nur noch das Wetter so schön halten…

Bääääh

Beim Spülen heute morgen entdecke ich, warum es im Bad meines Hotelzimmers so blümerant duftet. Die Toilettenspülung drückt das Wasser durch den Abfluß in die Duschwanne.

Das Personal im 4 Sterne Hotel ist bemüht und quartiert mich um – in das Zimmer direkt unter meinem ersten. Und da ist der Gestank im Bad nicht anders. Nach einer weiteren Intervention muß ich noch einmal umziehen und lande diesesmal nicht mehr in einem Zimmer auf der Südseite mit Alpenblick, sondern auf der Nordseite ohne Balkon.

Naja… ich bin ja eh kaum im Zimmer… Und immerhin hat hier das Bad ein Fenster. Obwohl es das nicht braucht, denn in diesem Trakt scheint das mit dem Abwasser zu funktionieren.

Eine gute Investition

Als ich mein Studium begann, mußte ich mehrmals in der Woche zwischen Lübeck und Eilshausen hin- und herpendeln. Seit dieser Zeit mag ich es, lange Strecken in den frühen Morgenstunden zu fahren.

Deshalb stehe ich nach einem Krefeld-Wochenende um Vier auf und fahre dann in den Sonnenaufgang zur Arbeit nach Erlangen. Das dauert vier bis viereinhalb Stunden – normalerweise. Aber um kurz vor Sechs ist erst einmal Schluß. Auf der A3 an der Ausfahrt Bad Camberg hat’s gekracht, und zwar richtig. Drei LKW-Längen vor mir wird die Autobahn über alle drei Spuren Richtung Frankfurt gesperrt.

Nach und nach gehen die Lichter an den umliegenden Autos aus Die Feuerwehr donnert vorbei

Was dann passiert kenne ich noch aus meiner eigenen Rettungsdienstzeit: Erst kommen die Rettungswagen, dann die Notärzte und die Polizei. Dann dauert es einige Minuten – und schließlich rückt die Feuerwehr an. Nach einer weiteren dreiviertel Stunde schlängeln sich schließlich die Abschlepper durch den Stau.

Und ich? Freue mich über die Standheizung, die ich habe im Oktober einbauen lassen. Es dauert insgesamt 1,5h, bis wenigstens eine Spur wieder freigegeben wird. Und die vertreibe ich mir mit einem Hörbuch, während ich den Fahrern in den umliegenden Autos zuschaue, wie sie entweder immer wieder ihre Motoren anlassen, um die Heizung auf Trab zu bringen, oder ihre Jacken überziehen.

Wenn ich nur 5 Minuten schneller gewesen wäre… würde ich vielleicht in dem RTW liegen