Ein Westfale in Bayern

Das ganz normale Leben südlich vom Weißwurst-Äquator

Archive for September 21st, 2006

Den Ernstfall proben

Ich sitze also gemütlich an dem mir zugewiesenen Arbeitsplatz in Wien und grübel über meiner Projekt-Definition, da heult eine Sirene im Gang. Erst ein irritierter Blick – dann meine ich (auf meine Erfahrung als Ersthelfer, Brandschutzbeauftragter, Rettungssanitäter, Feuerwehrmann, Strahlenschutzsachverständiger und Transplant-Organ-Fahrer zurückgreifend), ob wir nicht vielleicht jetzt doch das Gebäude verlassen sollten.

Mein Vorschlag wird mit der dem Wiener typischen höflich zurückhaltenden Zustimmung bedacht, da erscheint auch schon der (wie ich annehme) Brandschutzbeauftragte des Standorts und bittet doch geordnet den Parkplatz hinter dem Gebäude aufzusuchen und sich dort zu sammeln.

Spaziergang

Gemütlich schlendernd Wohlgeordnet und mit Umsicht verlassen wir also das Haus, um dann wenige Minuten später von einem Herrn mit Megaphon darauf hingewiesen zu werden, daß die gesetzlich vorgeschriebene Übung jetzt beendet sei.

Toll, was die sich alles einfallen lassen, um meinen Aufenthalt spannender zu gestalten :-D

Der Deutsche mit dem Doppelnamen

Ich hatte vor Freude Tränen, Tränen! in den Augen, als ich heute meine A-Klasse betankt habe. Diesel unter einem Euro, da müssen ja nostalgische Gefühle wach werden. Damals… als ich noch einfach so in’s Auto gesprungen bin, ohne vorher eine Kreditwürdigkeits-Bestätigung von meiner Bank einholen zu müssen, damit der gestrenge Tankwart mich ein paar Liter zapfen läßt. Damals, als ich einfach mal so ein paar Kilometer über Land gefahren bin, einfach so, ohne ein Ziel… Cruisen nannten wir das damals…

Billig tanken

Und hier in Wien tanke ich für 98cent. Wunderbar. Wie damals.

Die Übernachtung bei Lilly war (a) komfortabel und (b) ausreichend lang um auszuschlafen. Nachdem ich gestern schon um 4:45Uhr aufgestanden war, ging abends nichts mehr. 20Uhr in’s Bett – Feierabend. Für ihre Schüler bin ich übrigens “der Deutsche mit dem Doppelnamen” – mehr hat sie ihnen nicht verraten. Ich muß mal Andreas fragen, ob er in Texas auch “der Deutsche” genannt wird. Aber vermutlich heißt er da “Kraut” oder so ähnlich.

Wien steckt mitten im Wahlkampf. Am 1. Oktober wird hier gewählt, und was ich so im Radio höre ist Ausländerpolitik ein ganz heißes Thema. FPÖ und BZÖ rühren unerträglich die Populismus-Trommel. Lilly meint, daß auch unter ihren Schülern Ausländerfeindlichkeit verbreitet ist. Die Schule läge halt in einem schwierigen Bezirk.

Ob sie da nicht Probleme bekommt, wenn ich sie zur Schule fahre – ne, meint sie, ich wäre ja Deutscher und das würde nicht zählen.

Gestern haben übrigens die ersten Prüfungen zur Erlangung der österreichischen Staatsbürgerschaft stattgefunden. Da ich nicht weiß, wann die europäischen Menschenrechte in die österreichische Verfassung aufgenommen wurde oder wann der erste Bundespräsident direkt gewählt wurde, wäre ich vermutlich direkt durchgerasselt.

Aber, wie gesagt – als Deutscher bin ich in Österreich nicht einmal Ausländer – sondern einfach nur “der Deutsche mit dem Doppelnamen”. Im Gegensatz zu Polen – da bekommt man als Deutscher nicht einmal mehr Rabatt im Zug.