Ein Westfale in Bayern

Das ganz normale Leben südlich vom Weißwurst-Äquator

In Amerika ist alles größer

7:20Uhr // 14:20Uhr

Was hat mich geweckt? Der JetLag? Oder doch dieses unglaublich heftige Gewitter, mit Unmengen von Wasser, heftigen Blitzen und nicht endendem Donner? In Amerika ist alles größer – auch die Gewitter.

“In Texas ertrinken jedes Jahr viele Menschen,” erklärt Andreas, als wir es uns in den Sesseln gemütöich gemacht haben und dem Regen zuschauen, der die Straße in einen Bach verwandelt. Landstraßen werden hier an vielen Stellen binne weniger Minuten überflutet. Wer sich mit seinem Pickup da durchtraut, wird nicht selten einfach weggespült.

Bei Andreas im Wohnzimmer sitzen

Andreas hat mir gestern Austin gezeigt. Leckere Burger in einem Diner, ein Spaziergang rund um den aufgestauten Colorado, eine kleiner Ladenbummel über die South Lamar. “Wenn Du den JetLag loswerden wikkst, mußt Du Dich viel an der frischen Luft bewegen,” war der Rat meiner Kollegin Erika. Und wirklich, mir geht es recht gut.

Der JetLag holt mich erst abends im Theater ein. Andreas nimmt mich mit zu Ladies Are Funny Festival. Unter anderem tritt die Gruppe “Girls Girls Girls” auf, und improvisiert ein Musical auf die Themen “Bite your tounge” und “petshop”. Unglaublich. Schade, daß ich trotz heftigen Lachattacken doch immer wieder eindöse.

Andreas ist mit den Veranstaltern gut befreundet und natürlich helfen wir am Ende der Vorstellung – warum sie aber uns beiden Deutschen am ehesten zutrauen, das Bierfaß zu tragen, ist mir nicht ganz klar :-)

Alles wird gut

19:00Uhr // 12:00Uhr Austin, Texas

Ich bin verschwitzt, ungewaschen… und endlich angekommen.

Eigentlich hatte mich American Airways gestern auf einen Mittagsflug gebucht (gegen 14Uhr Ortszeit). Das war mir auch sehr recht, denn gestern war ich so fertig, daß ich mir dachte: “Wenn Du jetzt schon 90Dollar für eine Übernachtung ausgeben mußt, dann genieß sie wenigstens und schlaf Dich aus.” Tja… und dann eröffnet mir die Rezeptionistin, daß nicht einmal das Frühstück in dem Preis inbegriffen ist.

Meine Nacht war um 4:30Uhr Ortszeit dank JetLag vorbei. Also habe ich noch einmal mit American Airways telefoniert und tatsächlich doch noch einen Platz im ersten Flieger nach Austin bekommen.

Und ab da lief alles ganz ohne Probleme. Obwohl der Pilot einen “bumpy” Flug angekündigt hatte, hatten wir schönes Wetter mit prima Sicht. Obwohl mir die Flugbegleiter keine Hoffnung machen konnten, daß mein Koffer mit an Bord sei (weil ich doch Umbucher wäre), war er es eben doch – und ich konnte ihn in Austin in Empfang nehmen. Und eine nette Sitznachbarin ließ mich auch noch mit ihrem Handy telefonieren und Andreas Bescheid sagen.

Mein Mietwagen in Austin, ein Mazda

Die Autovermieter haben einen schönen Mazda 3 für mich bereitgestellt. Die Schrankenwärterin von Hertz, die mich samt Mietwagen auscheckt, grinst mich mit ihren wenigen, verbliebenen Zähnen an: “Do you know, where you are going?” Ich nicht – aber das Navi. Und das spricht sogar Deutsch (wobei die Ansage “In Punkt-Sieben Kilometern” für 700 Meter schon etwas gewöhnungsbedürftig ist).

Leider konnte ich Andreas nicht erreichen und ihm nur auf den Anrufbeantworter sprechen. Er hat erst in vier Stunden mit mir gerechnet und ist auf seinem Improv-Kurs. Aber ich finde auch alleine meinen Weg über die Highways in Austin. Erwähnte ich schon, daß Amerika weitläufig ist?

Andreas Haus in AustinAn der Haustür hängt ein Zettel. “NIELS! Der Schlüssel liegt auf der Veranda. Geh durch die Tür auf dieser Veranda. Ruf mich an, die Nummer ist im Handy, das Handy auf dem Tisch. Andreas” – heh… fehlt nur noch der Hinweis, daß sich diese Nachricht selbst zerstört.

Immerhin gibt es hier einen 220Volt Anschluß für meinen Laptop. Und WLAN. Das gibt mir endlich die Möglichkeit, mich per Skype telefonisch bei meiner Familie zu melden.

Jetzt endlich stellt sich die Euphorie ein. Ich bin wirklich in den USA. Wow!

Way to go, man, way to go

05:19Uhr // 22:19Uhr Chicago, Crown Plaza

Flughafen Chicago im Sturm

Während ich den letzten Eintrag geschrieben habe, ist ein Sturm über den Flughafen Chicago hereingebrochen. Ich habe mir nichts Böses gedacht und einfach abgewartet. Erst, als an der Anzeigetafel statt “Austin 9:25pm” auf einmal “Austin 8:00am” erschien, schwante mir, daß ich die USA jetzt mal von der weniger schönen Seite kennenlerne.

“Heute Nacht geht gar nichts mehr – und weil der Flughafen wegen schlechten Wetters und nicht wegen einer Naturkatastrophe geschlossen wurde, übernimmt die Fluggesellschaft nicht die Hotelrechnung.” Eine Logik, die ich nicht wirklich verstehe.

Blick aus dem 14. Stock mit Flugzeug im Landeanflug auf Chicago Airport Jetzt sitze ich in meinem Zimmer, 14 Stock. Das Hotel ist kein schlechtes – aber von thermoversiegelter Doppelverglasung hält man hier scheinbar nicht besonders viel.Der Wind pfeift durch alle Ritzen. Und als Flughafen-nahes Hotel bekomme ich nun die Starts und Landungen als dröhnende Geräuschkulisse geboten. Komisch – dabei wurden doch soviele Flüge abgesagt?

In den vergangenen 48 Stunden hatte ich vielleicht 5 Stunden Schlaf. Ich muß mich hinlegen. Morgen mehr…

Versuchung

01:18Uhr // 18:18Uhr – Chicago Airport

Das erste, was mir den Vereinigten Staaten auffällt? Es ist alles groß – oder besser gesagt: weitläufig. In diesem Land scheint es keinen Mangel an Platz zu geben. Und ich bekomme einen Eindruck davon, woher die Mentalität kommen mag, mit der wir Europäer uns so schwer tun.

“Wir Europäer” – gestern im Radio ging es um die europäische Identität. Da meinte ein Anrufer: “Wenn ich in München bin, fühle ich mich als Allgäuer, wenn ich in Berlin bin, als Bayer, wenn ich in Frankreich bin, als Deutscher und wenn ich in Afrika auf Montage bin, fühle ich mich als Europäer.” Jetzt weiß ich, was er meint.

Die Einreise in die USA lief ohne Schwierigkeiten ab. Wie meine Kollegin Erika (geborene US-Amerikanerin) mir empfohlen hat, habe ich auf jeden Witz, jede Ironie verzichtet, sondern einfach neutral den Grund meines Aufenthalts geschildert. Eine kurze erkennungsdienstliche Behandlung (Fingerabdrücke, Foto) – dann durfte ich auch schon weiter. Und auch die Zollbeamten hatten kein Interesse an mir – zum Glück. Denn mir war auf dem Flug klargeworden, daß das Riesenglas Nutella für Andreas vielleicht doch Probleme bereiten könnten. Lebensmittel dürfen nicht eingeführt werden. Keine Ahnung, ob das auch für verschweißte Produkte gilt.

Der Flughafen in Chicago ist flächendeckend mit WLAN ausgestattet. Aber ich kann mich nicht überwinden, meine Kreditkarteninformationen und Adresse in das Web-Formular einzutippen. So dringend muß ich dann doch wieder nicht in’s Netz, auch wenn die Versuchung groß ist. Der Versuchung, ein paar Schokoladenkekse zu kaufen, kann ich dann aber doch nicht wiederstehen. Ich muß mich dringend an dieses Geld gewöhnen. Hier legt man die Gesichter der Präsidenten nach oben.

Ich bin jetzt fast zwanzig Stunden auf den Beinen – und der Jetlag meldet sich so langsam. Noch drei Stunden, dann geht mein Anschlußflug. Der wird noch einmal vier Stunden brauchen. Die USA sind weitläufig…

Regen über dem Flughafen Chicago

So ein Strund

18:25Uhr – Irgendwo über dem Atlantik

Halbzeit. Acht Stunden und 45 Minuten soll der Flug dauern, aber der Kapitän ist zuversichtlich, daß wir es schneller schaffen werden. Acht Stunden. Ich denke gerade daran, daß ich vor einigen Jahren in dieser Zeit die Strecke von Lübeck nach München zurückgelegt habe. Damals war das kein Problem – rein in’s Auto und ab auf die Autobahn. Ich erinnere mich an eine Tour, bei der ich tatsächlich nur einmal für zwei Minuten angehalten habe, um schnell auszutreten.

Hier im Flieger ist alles anders. Vor allem ist der Fußraum eng. Meine langen Beine sind jetzt wirklich ein Nachteil. Immerhin kann ich mein linkes Bein von Zeit zu Zeit im Gang ausstrecken.

Das Flugzeug ist eine Boing 767 – und nicht gerade fabrikneu. Das gleiche kann man auch über die Flugbegleiter sagen. Woher kommt eigentlich die Mär, die seien immer jung und knackig? Die hier sind es jedenfalls nicht. Aber dafür sehr ruhig, nett und zuvorkommend. Und was mehr kann man sich wünschen?

Ich sitze in einer Fensterreihe auf dem Gangsitz. Mein Nachbar hat gleich nach dem Start die Jalousine heruntergezogen und schaut auf seiner PSP Videos – das heißt – im Augenblick läuft die PSP und er schläft. Wohl das Flug-Äquivalent zu “vor der Glotze einschlafen”. Immerhin ist er nicht dick und schnarcht auch nicht – gleich zwei Dinge, über die mir Stella und Andreas als erfahrene Transkontinentalflieger Horrorgeschichten erzählt haben.

Das Mittagessen wurde schon eine Stunde nach Abflug gereicht, ebenso die Getränke. Die Visa- und Zoll-Formulare sind auch schon ausgefüllt. In den Fernsehern über der Mittelreihe läuft irgendein Film. Ich halte mich lieber an die Hörbücher auf meinem IPod. SPIEGEL und ‘ct habe ich leider daheim gelassen. Was bleibt mir also noch zur Zerstreuung? Ein Katalog namens SkyMall mit allerlei Dingen, die das Leben des amerikanischen Durchschnittsbürgers schöner gestalten soll. Ein Katzenklo mit automatischer Streu-Entsorgung? Nie wieder beim Spielen mit dem Hund den vollgeschlabberten Tennisball aufheben müssen? Für alles gibt es eine tolle Lösung, vorgestellt in bunten Farben von glücklichen Menschen. Mama, wenn Du das hier liest: Danke für jedes abfällige “So ein Strund!”, mit dem Du jedes bunte Plastikspielzeug (vorzugsweise aus dem Haus Mattel) bedacht hast, das ich mir als Kind so sehnslich gewünscht habe (und das Du mir natürlich nicht gekauft hast). Das hat mich für den Rest meines Lebens gegen solche Angebote immunisiert.

Overdressed

13:25Uhr – Frankfurt Flughafen, Sicherheitsbereich Terminal C Gate 9

Wenn man den modernen, großzügig und doch funktional gestalteten Flughafen in München kennt, ist Frankfurt ein echter Kulturschock. Die Wege sind weit. Dafür gibt es alle paar Meter eine andereKontrolle. Das Personal von American Airlines scheint durch die Bank aus US-Amerikanern zu bestehen – den Unterschied merkt man nicht nur am Akzent, wenn sie sprechen. Sie sind auch erheblich freundlicher als das deutsche Flughafen-Personal und der deutsche Grenzbeamte. Vielleicht sind die aber auch nur deshalb so frustriert, weil sie den ganzen Tag in einem Betonklotz ohne Fenster Dienst schieben müssen.

Stella hat mich vor einer knappen Stunde abgesetzt. Und natürlich habe ich mich als Rookie von der Dame am Check-In gleich in den Sicherheitsbereich schicken lassen. Was für ein Quatsch. Ich hätte locker noch etwas essen können. Stattdessen muß mir jetzt ein pappiges Brötchen mit etwas Aufschnitt reichen. Andererseits unterscheidet sich der Sicherheitsbereich hier erheblich von dem in München. Keine Geschäfte, nur ein Raum mit acht endlos langen Sitzreihen, die sich langsam mit meinen Mitpassagieren füllen.

Die Frau mir gegenüber trägt Flipflops und ein lockeres T-Shirt. Überhaupt sind hier alle sehrsommerlich gekleidet.Ich dagegen trage einen dicken Pullover und habe meine schwere Lederjacke dabei. Lachen die alle über das deutsche Aprilwetter und sind einfach härteres gewohnt? Oder wissen die schon, was uns in den Chicago erwartet.

Frankfurt Flughafen

Die romantische Strecke

BMW R 1150 GS Adventure links   BMW R 1150 GS Adventure rechts

Pah! Da behaupten böse Stimmen tatsächlich, eine Straßenmaschine wäre soweiso viel schöner. Hah! Ich möchte die mal sehen, wenn sie versuchen über Waldwege zu fahren.

Nun ja…

Ich gebe zu: auf dem Weg zur Burgruine Wolfstein in der Oberpfalz wollte die Navigationssoftware mich eigentlich über eine Landstaße lotsen – und nicht über diese auf der Karte gestrichelte Abkürzung. Daß damit ein Waldweg gemeint war, konnte ich ja nicht ahnen. Und die wenigen Wanderer haben auch nur milde irritiert geschaut.

Die Ruine habe ich schon ein paar mal von der Autobahn gesehen. Aber aus der Nähe betrachtet ist sie ine echte Entäuschung. Überall Bauzäune, Bauwagen und Absperrband. Aber dafür habe ich ein paar sehr schöne Seitenstraßen und eine prima Pizzaria in Burgthann entdeckt.

Burgruine Wolfstein

I am my own Cylon

Ausnahmen müssen auch mal sein – und deshalb lasse ich heute ohne eine lange Geschichte folgenden Link fallen:

http://www.wewerecenturions.com/

Und das auch nur deshalb, weil ich gestern die auf Spielfilmlänge aufgeblähte “Kampfstern Galactica“-Folge “Razor” gesehen und für verflixt gut befunden habe.

Hmmm… hat denn niemand die Staffeln auf DVD?

Kein Motorradwetter

Das Motorrad bleibt heute unter seiner Faltgarage. Der Wetterochs, ein Hobby-Meterologe, der auf seiner Webseite recht zuverlässig das Wetter für den Großraum Nürnberg prognostiziert, hat vor Schnee und Minusgraden gewarnt. Jetzt sah es heute morgen in Fürth nicht so sehr nach Weltuntergang aus, wie bei Kollege Alex in Marburg. Aber richtig einladend war dieser trübe Himmel auch nicht. Und mittlerweile fallen tatsächlich ein paar vereinzelnte Flöckchen. Der Wetterochs meint, gegen Mitte der Woche wird es wärmer – aber dafür soll es regnen.

Also bleibt “Victor” daheim – und damit bleibe ich meiner Marotte treu, meine Fahrzeuge nach Figuren aus Filmen von Luc Besson zu benennen. Mein alter Volvo hieß “Mathilda“, meine aktuelle A-Klasse “Josephine” und das Motorrad (ist eindeutig ein er) “Victor“. Stella dachte ja zuerst an eine Figur aus dem Film “Underworld” – aber das muß ich entschieden verneinen (wobei der Viktor auch kein schlechter Namens-Pate gewesen wäre).

Nörgelnde alte Säcke

Deutsche nörgeln gerne (das gehört zumindest zu unserem Selbstbild) – also fange ich mit dem an, was ich gerne mache: Nörgeln. Zwei Dinge mag ich am Nürnberger Burgtheater nicht – das eine sind die viel zu eng stehenden Klappstühle, auf denen man während der gesamten Vorstellung keine bequeme Sitzposition zu finden vermag. Ich muß Simon mal fragen, ob das Kalkül ist, damit niemand während der Vorstellung einschläft (Simon ist mein Nachbar und Gelegenheits-Techniker im Burgtheater).

Die andere Sache ist die Pause, die auch in kurzen Programmen stets eingeschoben wird. Nicht, daß mich der Getränkeverkauf stören würde, mit dem das Burgtheater sich dringend benötigte Devisen in harten Euros verschafft. Was mich nervt ist die olfaktorische Attacke der Blondine neben mir, die es ihrem Mundgeruch nach zu urteilen in den fünfzehn Minuten geschafft hat, eine halbe Schachtel Rothändel wegzuschmöken.

Dafür ist das Programm vom Burgtheater gut und die Preise akzeptabel. Heute abend war Marc-Uwe Kling zu Gast. Sein Programm werte ich als kurzweilige Mischung aus absurden Alltagsgeschichten und bisweilen radikaler Linksutopie. Richtig Laune macht seine Kolumne “Neues vom Känguru”, das übrigens auch im Internet als Podcast zu hören ist (sofern man die extrem nervigen Radio-Teaser zu Beginn jeder Folge ertragen kann).

Marc-Uwe sieht sich selbst als Teil der “Generation Praktikum” – und macht mir, während er (als Twen) über die Mitte-Dreißiger herzieht, schmerzlich bewußt, daß die Generation nach mir nicht mehr pubertierend über die Schulhöfe wandert – sondern auch schon erwachsen ist. Und so langsam bekomme ich Schiß davor, daß die Bezeichnung “alter Sack”, mit der ich so gerne kokettiere, tatsächlich auf mich zutrifft.

Ich sollte mal wieder öfter abends ausgehen.